Die Brückenbauer: Wachstumschancen in der Türkei

- Quelle: Oschatz
Von Stefanie Gerdsmeier
Wer Mittelständler auf die Türkei anspricht, stößt in der Regel auf starkes Interesse. Hans-Jürgen Schrag, geschäftsführender Gesellschafter des Familienunternehmens Oschatz, ist sich sicher: „Der Absatzmarkt in der Türkei hat sich in den letzten Jahren drastisch vergrößert.“ Ob Maschinenbau, Elektrogeräte, Kfz oder Endverbraucherprodukte – der Markt boomt. Bei 75 Millionen Einwohnern, die im Durchschnitt gerade mal 27 Jahre alt und damit rund 15 Jahre jünger als der deutsche Durchschnittsbürger sind, überrascht das wenig. „Das Pro-Kopf-Einkommen hat sich in den letzten zehn Jahren mehr als verdreifacht“, erklärt Marc Landau, Geschäftsführer der Deutsch-Türkischen Auslandshandelskammer in Istanbul, warum die Türken so konsumfreudig sind. Und die türkische Wirtschaft wächst weiter. Im zweiten Quartal lag das Bruttoinlandsprodukt bei fast 9 Prozent.
Auch das Interesse der deutschen Firmen an der Türkei wächst kontinuierlich: „Waren 1995 nur 500 Unternehmen mit deutscher Beteiligung in der Türkei, sind es heute über 4.700“, erzählt Landau weiter. Der größte Teil hiervon sind Mittelständler, weiß der Experte. Der Essener Familienbetrieb Oschatz hat schon früh Türkei-Erfahrungen gesammelt.
Der Anlagenbauer ist Experte in den Bereichen Eisen- und Stahlmetallurgie, Nichteisenmetallurgie, Chemie- und Kraftwerkstechnik. Die ersten Kontakte in die Türkei entstanden vor mittlerweile 20 Jahren. „Damals sollten wir drei Kühlkamine für den Stahlkonzern Erdemir bauen und liefern“, blickt Hans-Jürgen Schrag zurück. Bedingung war, die Bauteile in der Türkei zu fertigen. Schon bald war die Idee geboren, neben der Produktion in Essen einen zweiten Fertigungsstandort in der türkischen Stadt Gebze zu eröffnen. Der Erfolg blieb nicht aus, im Gegenteil: Immer größere Bauteile sollte Oschatz an einem Stück fertigen und liefern. „Der Transport wurde dabei oft zu einer echten Herausforderung, da die Straßen und Brücken rund um das ursprüngliche Fertigungsgelände für solche Schwertransporte gar nicht ausgelegt waren“, erzählt Schrag. Enge und schlecht ausgebaute Straßen können gerade für Unternehmen wie Oschatz, die Schwertransporte durchführen, problematisch werden. Zwar wurden in den vergangenen Jahren viele Straßen gebaut, und die Zahl der voll erschlossenen Gewerbegebiete steigt bis heute ständig an, aber abgelegenere Regionen sind nach wie vor schlecht zu erreichen. 2008 entschied Oschatz, die Produktion aus Gebze zu verlagern.
Vor einem knappen halben Jahr weihte das Unternehmen seinen neuen, erweiterten Fertigungsbetrieb in der Freihandelszone der Region Kocaeli ein. 16 Millionen Euro ließ sich der Mittelständler die neue Fertigung kosten. Mit einem Hafen in direkter Nähe ist Oschatz logistisch jetzt optimal angebunden. Und die Erweiterungspläne sind noch nicht abgeschlossen: „Die Kapazität des Geländes reicht aus, um die Produktion bei Bedarf noch mal um 10.000 Quadratmeter Produktionsfläche zu erweitern“, sagt Schrag. Investitionen in den Wachstumsmarkt Türkei lohnen sich seiner Meinung nach.
Oschatz schätzt die Türkei aber nicht nur als Absatzmarkt, sondern vor allem aus geographischen Gründen. Ihren Ruf als Brücke in den Nahen Osten und die Turkstaaten, also Kasachstan, Kirgisistan, Usbekistan, Turkmenistan und Aserbaidschan, hat die Türkei nicht umsonst. „Die Türkei ist als Handelsdrehscheibe in die Anrainerstaaten hochinteressant“, bestätigt Almut Schmitz von NRW.International. Sie koordiniert die NRW-Außenwir tschaftsförderung. „Zwar gibt es derzeit Eintrübungen durch Syrien, aber allgemein haben sich die Beziehungen der Türkei zu den Nachbarstaaten deutlich verbessert“, sagt Schmitz. Damit sei die Türkei der ideale Standort für die Erschließung dieser Märkte.
Diese Brückenfunktion möchte auch der Edelstahlamaturenspezialist Exmar aus dem hessischen Ober-Mörlen nutzen. Ali Özkan ist Leiter Geschäftsentwicklung und vergleicht die Türkei mit Singapur und Hongkong: „So wie Singapur die Drehscheibe für die Asean-Staaten oder Hongkong für China ist, ist die Türkei für mich die Tür in den mittleren Osten.“
Deutsch-türkische Brückenbauer
Deutsche Mittelständler können in der Türkei leicht die Nase vorn haben, denn sie haben einen entscheidenden Vorteil, ist Özkan überzeugt: „Deutsche Unternehmen, die in die Türkei möchten, profitieren, wenn sie türkischstämmige deutsche Mitarbeiter einstellen“, schwäbelt der in Rottweil geborene Özkan. Er selbst hat türkische Wurzeln und spricht die Sprache perfekt: „Man tut sich in der Türkei sehr viel einfacher, wenn man die Kultur und die Sprache kennt“, ist seine Erfahrung. Nicht nur die Türkei hat also Brückenfunktion, sondern auch die Mitarbeiter, die sich in Deutschland finden lassen, können solch eine Funktion einnehmen. „Die Universität Köln hat zusammen mit der Istanbuler Bilgi Üniversitesi sogar einen gemeinsamen Studiengang aufgesetzt, um genau diese Wirtschaftsbeziehungen zu stärken“, fügt Almut Schmitz hinzu: „In Deutschland gibt es viele Experten, die in beiden Welten zuhause sind.“
Wer allerdings meint, ausschließlich wegen niedriger Steuern, Fördergeldern oder günstiger Löhne in die Türkei zu kommen, setzt aufs falsche Pferd. Die Steuern sind nicht so niedrig wie viele annehmen und die Gehälter in Istanbul haben längst deutsches Niveau erreicht. Zwar verdienen Arbeiter im Osten des Landes noch deutlich weniger, die Tendenz ist aber steigend. Nach Einschätzung des Wirtschaftsforschungsunternehmens Global Insight dürften sich die Löhne in den kommenden zehn Jahren verdreifachen. Auch die Bürokratie hält Hans-Jürgen Schrag für lästig: „Zunächst legen türkische Institutionen im Vergleich zu Deutschland eine viel höhere Gelassenheit an den Tag. Während in Deutschland geprüft und genehmigt wird, wird in der Türkei erst einmal gemacht. Diese Mentalität des Machens in der Türkei führt jedoch zu einer massiven, nachträglichen Bürokratie.“ Im „Ease of Doing Business“-Ranking der Weltbank ist die Türkei in diesem Jahr auf Platz 65 und damit direkt hinter dem Karibikstaat Antigua und Barbuda gelandet. Angesichts des wirtschaftlichen Kraftaktes, den das Boomland in den vergangenen Jahren bewältigt hat, dürfte es der Türkei gelingen, auch diese Probleme in den Griff zu bekommen.
