Im Softwarecluster gemeinsam unterwegs
Von Daniel Schleidt und Stefanie Gerdsmeier
Das Internet ist längst zum ständigen Begleiter im Alltag geworden. Doch denkbar ist noch mehr als das, was heute schon geht. Unter dem Stichwort „Internet der Dienste“ wird die Geschäfts- und Lebenswelt um ein wesentliches Stück zusätzlich virtualisiert. Das Ziel: Komplexe Dienstleistungen sollen zu handelbaren, komponierbaren Gütern werden, die sich der Kunde individuell online zusammenstellen kann.
Reinhard Karger hält das Internet der Dienste für einen wesentlichen Bestandteil der zukünftigen Arbeitswelt. Doch um solch ein Projekt voranzutreiben, betont der Leiter Unternehmenskommunikation am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Saarbrücken, bedarf es nicht nur eines Einzelkämpfers, sondern mehrerer, miteinander vernetzter Partner. „Es geht darum, Dienstleistungen sehr breit in einem holistischen Angebot zusammenzubringen“, sagt Karger. Und dafür müsse die Software von Unternehmen und Einrichtungen miteinander kommunizieren können. Das heißt kurz und knapp: Die Unternehmen müssen zusammenarbeiten, um Innovationen zu generieren.
Das DFKI forscht schon seit Jahren an Themen wie dem Internet der Dienste – und sieht jetzt die Chance, diese und zahlreiche andere spannende und innovative Fragen aus der anwendungsorientierten Forschung hinaus in die konkrete Nutzung überführen zu können. Motor dieser Hoffnung ist der sogenannte „Software-Cluster“, der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) zum „Spitzencluster“ ernannt wurde – und somit für fünf Jahre 40 Millionen Euro Fördergelder bekommt.
Die Summe von Einzelteilen
In dem Cluster haben sich zurzeit 38 Unternehmen und wissenschaftliche Einrichtungen zu einem Forschungsverbund zusammengeschlossen, um die Unternehmenssoftware der Zukunft zu erforschen. Dazu stecken die beteiligten Firmen und Organisationen ebenfalls 40 Millionen Euro in das Projekt, um die Regionen Rhein-Main-Neckar (Darmstadt), Nordbaden (Karlsruhe), Neustadt in der Pfalz (Kaiserslautern) und das Saarland zum bedeutendsten Softwarezentrum des Landes – und zu einem nationalen „Silicon Valley“ auszubauen. Ein Mammutprojekt wie das Internet der Dienste kann so mithilfe zahlreicher Protagonisten effektiver, breiter und wirksamer vorangetrieben werden.
„Wir hoffen, in dem Cluster eine Fülle von Einzelteilen zusammenbringen zu können, um an einem größeren Bild arbeiten zu können“, sagt Reinhard Karger. Das heißt: Die Innovationskraft von großen Unternehmen wie SAP oder der Software AG soll mit kleinen und mittelständischen Firmen verknüpft und durch die Kompetenzen von Universitäten oder Forschungseinrichtungen wie dem Fraunhofer-Institut ergänzt werden.
Diese Kooperation entlang der Wertschöpfungskette, sagt Bundesforschungsministerin Annette Schavan, bringe sowohl Wissenschaft wie auch Wirtschaft Vorteile: „Sie können sich auf ihre jeweiligen Stärken konzentrieren und diese weiter ausbauen, um neue Ideen in wirtschaftlichen Erfolg umzusetzen“.
Genau dieses Ziel verfolgt auch der Software-Cluster. „Der Cluster stärkt die seit langem erfolgreiche Kooperation zwischen Wissenschaft und Wirtschaft“, sagt Clustersprecher Lutz Heuser. Das heißt: Die Partnerschaften existieren schon länger. Mit dem Cluster werden sie gestärkt und institutionalisiert. Die Vorteile: Der Know-how-Austausch wird intensiver und geht schneller. Der Standort wird innovativer und produktiver. Etwaige Bedarfsspitzen können durch Kooperationen vor Ort auch mal flexibel ausgeglichen werden. All das sind Wettbewerbsvorteile, von denenr alle Beteiligten profitieren können.
Nutzen für Groß und Klein
Martin Wolf ist Leiter Standardentwicklungen bei dem mittelständischen Unternehmen proALPHA. Die vernetzte Arbeit im Cluster empfindet er als befruchtend für alle Beteiligten. Das Unternehmen engagiert sich in beiden großen Forschungsbereichen, „Adaptive Systeme“ und „Emergent“. Für proALPHA geht es zum einen um APS-Optimierungssysteme, zum anderen um die Frage, wie man die Verbindungsaufnahme zweier Systeme, die sich im Netz begegnen, automatisieren kann. Anwendung könnte dieses beispielsweise im Bereich Rechnungskontrolle finden. Wolf erklärt: „Kunden mit einem hohen Rechnungseingang wünschen sich eine Automatisierung der Prozesse. Während es bereits für jeden Teilschritt spezialisierte Systeme gibt, ist die Integration solcher Systeme immer noch mit einem hohen manuellen Aufwand verbunden. Im Cluster arbeiten wir mit einem Partner an einem Prototyp. Anhand dessen wird untersucht, wie die Integration zukünftig drastisch erleichtert und damit die Kosten für den Anwender auf ein Niveau gebracht werden können, das auch bei geringerem Belegvolumen die Nutzung solcher automatisierter Prozesse ermöglicht.“
Doch nicht nur „geplante“ Teamarbeit findet innerhalb des Netzwerks statt, häufig ergeben sich auch spontan Anknüpfungspunkte, durch neue Kontakte innerhalb des Clusters. Wolf sagt: „Durch den Austausch im Cluster sind wir auf die Uni Saarbrücken gestoßen und arbeiten jetzt gemeinsam an einem Projekt, wo es um Textanalysen geht.“ Beide profitieren: proALPHA stellt der Universität Daten für ihre Analysen zur Verfügung. Wenn die Analysen erfolgreich sind, könnte das Unternehmen seine Supportmitarbeiter durch eine intelligentere Nutzung der Datenbestände massiv unterstützen.
Genau hier sieht Wolf auch den größten Vorteil der Netzwerkarbeit: „Es geht nicht um die monetäre Förderung, denn der verwaltungstechnische Aufwand im Cluster ist nicht gering, sondern um die Vernetzung und die Kontakte, die man im Cluster knüpfen kann.
Auch Jörg Kleinz engagiert sich im Cluster. Der Gründer und Geschäftsführer der intelligent views GmbH aus Darmstadt hat mit seinem mittlerweile rund 30 Mitarbeiter umfassenden Unternehmen zwar alle Hände voll zu tun. Dennoch engagiert er sich im Strategieboard, wo die Geschäftsführer zusammenkommen, „denn so kann ich mitgestalten und habe den direkten Kontakten zu anderen Unternehmen und Institutionen im Cluster“. Und das ist es, was es für ihn ausmacht. Intelligent views, 1997 als Spin-off aus der Fraunhofer-Gesellschaft gegründet, bietet semantische Technologien an. Die Software K-Infinity versteht es, das überbordende Wissen in Unternehmen zu sortieren, zu verarbeiten und bei Bedarf auch schnell und einfach zur Verfügung zu stellen. Das das Know-how der Mitarbeiter soll so im Unternehmen gehalten und schnell wie einfach verfügbar gemacht werden.
Schon seit Jahren arbeitet intelligent views dabei schon mit großen Konzernen zusammen. Dennoch verbindet Kleinz mit dem Cluster erhebliche Hoffnungen: Zum einen will sich intelligent views bei der Entwicklung neuer Lösungen einbringen und dabei Hand in Hand mit anderen im Cluster arbeiten. „Wer mit innovativen Produkten einen Wettbewerbsvorsprung haben will, sollte sich mit Partnern arrangieren“, so Kleinz. Schließlich gehe der Trend weg von monolithischen Angeboten und hin zu flexiblen, kombinierten Softwareprodukten. Zum anderen erhofft sich die Firma, den Kunden ein breiteres Portfolio anbieten zu können. „Die Kunden wollen immer mehr aus einer Hand“, weiß Kleinz. Die Kontakte im Cluster geben ihm die Möglichkeit, über die eigenen Kernkompetenzen hinaus Produkte und Dienste präsentieren zu können. Und zu guter Letzt sollen Kooperationen mit großen Unternehmen wie SAP oder Software AG Türen öffnen, „wir profitieren sicherlich auch vom größeren Marktzugang“.
Den erheblichen Chancen stehen jedoch auch Risiken gegenüber. Jörg Kleinz betont, kleinen Unternehmen könne möglicherweise vor der großen Konkurrenz und deren Finanzkraft bange sein – betont aber auch, aufgrund jahrelanger Partnerschaften derlei Ängste selbst nicht zu hegen. Doch in der Tat gibt es einige Regeln, die in Clustern beachtet werden müssen, damit sie auf Anhieb und auf Dauer funktionieren können. Dazu gehört eine aktive Steuerung, sprich: Ein Management, das die Ziele und Interessen der Beteiligten zusammenbringt und die Aktivitäten koordiniert. Dazu gehört auch, Vertrauen zwischen den Beteiligten aufzubauen, weil Unternehmen Wissen und Interna sonst nicht preisgeben werden.
Software AG-Chef Streibich ergänzt. „Durch die Vernetzung werden Unternehmen in Krisenzeiten widerstands- und wettbewerbsfähiger, weil sie beispielsweise Ressourcen zusammenlegen, gemeinsame Vertriebs- und Marketingkanäle nutzen und so Ressourcen sparen können, ohne befürchten zu müssen, insolvent zu werden“, erklärt er. In Boomphasen machten sich Skaleneffekte bemerkbar, die das Wachstum fördern könnten. „Ein Cluster schwächt somit Einbrüche ab und verstärkt das Wachstum“, so Streibich.
Wer hilft?
Darmstadt
Wer: IT4Work
Was: Standortkoordinierungsstelle, die Informationenn zu Technologie- und Branchentrends, Anbahnung von Projekten und Kooperationen, Beratung zu IT-Rechtsfragen, etc. anbietet
Kontakt: +49 6151 871 129 www.it4work.de
Karlsruhe
Wer: CyberForum
Was: Das Hightech Unternehmer Netzwerk bündelt Wissen und Kompetenz in allen Phasen der Unternehmensentwicklung, z.B. Gründerberatung, Round Tables, Vernetzung durch das Business-Angel-Netzwerk
Kontakt: +49 721 6183 330 , www.cyberforum.de
Kaiserslautern
Wer: Software Technologie Initiative
Was: Der Verein bietet Dienstleistungen im Bereich des Software Engineering mit besonderem Fokus auf kleine und mittlere Unternehmen an.
Kontakt: +49 631 6800 1600
Saarbrücken
Wer: Kompetenzzentrum Informatik Saarland
Was: Das Kompetenzzentrum bietet die gesamte Entwicklungskette von der universitären Grundlagenforschung bis zur Vermarktung neuer Produkte und Dienstleistungen. Für Unternehmer werden Gesprächskreise und Veranstaltungen zur Netzwerkpflege angeboten
Kontakt: +49 681 30270 164
