Pirmasens: Die bewegte Stadt
Von Stefanie Gerdsmeier
Das Multimediasystem zum Abspielen von Audio- und Videodateien der Firma Convar ist ein echter Pirmasenser, denn es besteht nicht nur vollständig aus Komponenten aus der Region, sondern reflektiert auch die Stadtgeschichte: Die einstige Schuhmetropole musste in den Neunzigerjahren mit dem Wegzug des US-Militär und der Verlagerung der Schuhindustrie in Billiglohnländer zwei Tiefschläge verkraften. Das Know-how rund um den Schuh ist der Region aber erhalten geblieben. So war es für Convar naheliegend, das Multimediasystem mit Leder zu verkleiden, genügend Lederverarbeiter gibt es schließlich noch in der Gegend.
Convar ist ursprünglich auf Datenrettung und Serviceleistungen spezialisiert, das Multimediasystem aus der Reihe Furnics ist Ergebnis eines neuen Geschäftsbereichs. Das Unternehmen profitiert gleich zweifach von der Pirmasenser Verbundenheit mit der Schuhindustrie: „Wir haben viele Mitarbeiter eingestellt, die früher im Schuhbereich gearbeitet haben, beispielsweise als Schuhstepper. Daher bekommen wir viele handwerklich sehr gute Leute“, erklärt Ralph Hensel, Senior Manager Europa bei Convar. Andererseits profitiert das Unternehmen von den Firmen, die früher in der Schuhindustrie tätig waren und sich nach der Abwanderung dieser Branche auf verwandte Technologiefelder spezialisiert haben. Das Multimediasystem entwickelte Convar in Pirmasens und verarbeitete dabei ausschließlich Bestandteile aus der Region, denn die Expertise für Stahlgehäuse, Pulverbeschichtung, Holzverblendung und Leder ist geblieben.
Der Lederlieferant für das Multimediasystem war früher in der Schuhindustrie tätig, genauso haben sich aber auch andere Firmen der Branche weiterentwickelt und neue Geschäftsfelder gefunden, in denen sie ihre Expertise nutzen können. Die Firma PSB intralogistics beispielsweise produzierte früher Bänder für die Schuhindustrie und baut heute intralogistische Gesamtsysteme für andere Produktionsbereiche. Auch die Unternehmen Ring Maschinenbau und Ergo-Fit waren früher auf die Schuhindustrie spezialisiert und haben sich heute zu Herstellern von Stanz-, Perforier-, Präge- und Sondermaschinen bzw. Fitnessgeräten entwickelt. Wer früher Schuhe klebte, Sohlen und Kappen produzierte wie die Firmen Wakol oder Kömmerling, verlegt sich heute auf Industrieklebstoffe für die Chemie- und Automobilindustrie sowie Kunststoffe für Fenster- und Haustürprofile.
Kompetenzen ergänzen
In Convars Multimediasystem kommen die Kompetenzen zusammen und ergänzen sich zu einem völlig neuen Produkt. Das Unternehmen nutzte Synergien aus ganz unterschiedlichen Firmen und Techniken. In nur sechs Monaten wurde das Multimediasystem, das wie ein Möbelstück aussieht, dank der räumlichen Nähe der kooperierenden Unternehmen entwickelt. „Es wäre schön, noch andere Firmen – vom Kunsthandwerk bis zum Elektronikkomponentenhersteller – einzubeziehen, denn daraus ergeben sich Produkte, an die man gar nicht denkt“, glaubt Hensel.
Genau das möchten die Stadtentwickler von Pirmasens erreichen: „Unser Ziel ist es, ein Cluster rund um das Thema Bewegung aufzubauen“, erklärt Oberbürgermeister Bernhard Matheis. Derzeit gebe es in Pirmasens schon einige Glieder solcher Wertschöpfungsketten, andere würden aber noch fehlen.
Günstig und unbürokratisch
Dass das Multimediasystem einem neuen Geschäftsbereich von Convar entspringt, ist kein Zufall. Ursprünglich hatte sich das Unternehmen als Servicecenter für Datenrettung und Reparaturen für das US-Militär in Pirmasens angesiedelt. Als die Amerikaner die Stadt verließen, stand Convar vor der Frage, mit ihnen weiterzuziehen oder umzustrukturieren. Die Firma stieg in den Industriebereich ein und repariert heute Kamerachips und Festplatten. Als Hochsicherheits-Datenrettungscenter in Europa wurde Convar beispielsweise mit der Datenrettung von Festplatten aus dem World Trade Center beauftragt.
Die Datenretter haben den Standort schätzen gelernt, ein Wegzug aus Pirmasens kam nie ernsthaft in Frage. Zum einen sind die Kosten für Infrastruktur, Personal und Logistik niedrig. „Hier bekommt man von den Carriern auch bei mittleren Volumina einen besseren Preis als beispielsweise im Rhein-Main-Gebiet“, verrät Hensel. Außerdem profitiert das Unternehmen von extrem niedrigen Fluktuationsraten. „Viele unserer Mitarbeiter sind, anders als in Ballungsräumen, mit dem Standort stark verbunden“, erklärt Hensel. Auch die bürokratischen Wege seien in der Region weniger verschlungen als anderswo: So hat Convar auf einer Gesamtfläche von über 25.000 Quadratmetern acht weitere Hallenteile zugebaut, die Genehmigungsverfahren dauerten gerade mal zwei bis drei Wochen. Ein Vierteljahr nach Planerstellung waren die Gebäude bezugsfertig. Und auch bei der Registrierung ausländischer Mitarbeiter haben die Datenretter gute Erfahrungen gemacht. „Da wir unser Servicecenter auf sieben Sprachen betreuen, brauchen wir immer wieder Mitarbeiter aus unterschiedlichen Ländern, aber auch das verlief bisher in Pirmasens immer reibungslos“, lobt Hensel.
Umnutzung der Kasernen
Ein anderes Relikt der Vergangenheit sind die Kasernen der US-Streitkräfte. Aber auch das Konversionsgebiet „Husterhöhe“ liegt nicht mehr brach, sondern wird als Gewerbegebiet wiederbelebt. „Die Husterhöhe befindet sich in einem Gebiet, wo bei Investitionen Förderung möglich ist“, sagt Bürgermeister Matheis, beispielsweise aus Töpfen der EU und der Investitions- und Strukturbank Rheinland-Pfalz.
110 Firmen haben sich dort mittlerweile angesiedelt, knapp 2.000 Arbeitsplätze wurden neu geschaffen. Ein Büro auf dem 75 Hektar großen ehemaligen Militärgebiet hat unter anderem das Call Center TelePower angemietet. Geschäftsführer Olaf Weber schätzt die gute Datenanbindung, da die Husterhöhe komplett mit Glasfaseranschluss ausgerüstet ist, und freut sich über die Unterstützung von Seiten der Stadt. „Von der Vorbereitung bis zum Einzug dauerte es gerade mal 2,5 Monate, und Förderung wurde uns aktiv angeboten“, sagt Weber. „Für uns wurde der rote Teppich ausgerollt.“
